Tina Prager (Sprecherin des KV Uckermark) auf der Gegendemonstration in Angermünde.

13.06.2020

Ein Plädoyer für eine weltoffene Uckermark

Schön, dass ihr alle da seid und mit mir hier auf dieser Seite steht! Ich bin Tina Prager und ich vertrete heute die Grünen in der Uckermark.

Ich habe Euch zwei Geschichten aus unserer Region mitgebracht.

Die erste Geschichte begann vor vielen, vielen Jahren und reicht bis in unsere Zeit. Es begann in einer langen Nacht, in der es nach Feuer roch, in der Menschen um Hilfe schrieen und vielerorts keine Hilfe bekamen. Die Reichspogromnacht versetzte die Familie von dem kleinen Georg ist Aufruhr. Ihnen wurden alle Hoffnungen genommen: Nein, das politische Klima in Deutschland würde sich nicht ändern. Ja, sie waren wirklich in Gefahr, in Lebensgefahr. Zum Glück organisierten warmherzige Menschen Kindertransporte jüdischer Kinder nach Großbritannien. Dort landete auch der kleine Georg als Geflüchteter und es sollte eine ganze Weile dauern, bis er seine Familie wieder sah. Sie fanden alle zusammen eine neue Heimat in Australien. Georg wurde zu George und machte sich nach einigen Jahren als großartiger Musiker und Komponist einen Namen. George Dreyfuß, wie er nun hieß, blieb Deutschland weiter verbunden und führte seine Folk-Mass vor 10 Jahren in Prenzlau, hier in der Uckermark auf.
Für April in diesem Jahr hatte ich ihn an die Schule eingeladen, an der ich arbeite. Er hätte meinen Musikkurs besucht, wenn nicht Corona dazwischen gekommen wäre. George Dreyfuss, ein Flüchtling, der eine neue Heimat gefunden hat und die Sprache der Musik, die überall auf der Welt verstanden wird.

Die zweite Geschichte handelt von der besten Grundschulfreundin meiner Tochter, hier aus Angermünde. Ihre Freundin nenne ich jetzt mal Maria. Sehr schnell freundeten sich die Mädchen an, spielten Fange auf dem Schulhof, quatschten und kicherten über alles mögliche. Maria lernte immer besser deutsch, meine Tochter lernte ein paar Brocken arabisch. Maria erzählte, dass sie sehr wohlhabend waren in ihrer Heimat in Syrien. Sie berichtete von dem großen Haus in dem sie lebten, ihren Haustieren und ihrem tollen Zimmer. Hier in Deutschland teilte sich die Familie eine kleine Neubauwohnung auf dem Dorf. Ihr Obst und Gemüse bauten sie hinter dem Neubaublock selbst an.
Maria will schon seit der dritten Klasse Chirurgin werden und nach der Schule gemeinsam mit meiner Tochter die Welt bereisen. „ Wenn in Syrien kein Krieg mehr ist“ sagt Maria zu meiner Tochter „dann zeige ich dir meine Heimat“. Maria, ein Flüchtling, die nun fernab vom Krieg eine Zukunft hat und eine zweite Heimat in Deutschland.

Warum erzähle ich diese Geschichten? Weil wir über Menschen reden müssen. Nicht über pauschale Menschengruppen. Gute Politik bedeutet, den Menschen in den Blick zu nehmen. Keine anonymen Menschengruppen, wie „die Asylanten“ oder „die Altparteien“ oder „die Landesregierung“ oder „die Bauern“. Wir reden über Menschen, die Sorgen haben, die Hilfe brauchen, die arbeiten und leben wollen. Menschen, die lachen, Menschen die weinen, Menschen wie du und ich.

Jeder und jede von uns würde Maria helfen und auch dem kleinen George. Es ist leicht zu einer anonyme Masse zu sagen, wir nehmen keine Flüchtlinge auf. Aber Maria und George würde keiner ins Gesicht sagen: ich helfe dir nicht. Das wäre unmenschlich. Doch beides ist unmenschlich: dem Einzelnen Hilfe zu verweigern und ebenso einer Gruppe Hilfe zu verweigern.

Wenn wir Menschen zu anonymen Gruppen machen, dann fällt es leichter, negative Gefühle zu entwickeln. Natürlich gibt es viele Probleme. Schuld daran sind aber nicht irgendwelche Menschengruppen wie „die Altparteien“ oder „die Regierung“. Natürlich werden Entscheidungen getroffen, die nicht von allen mitgetragen werden können. Doch darüber müssen und können wir reden. Das funktioniert, weil wir in einer Demokratie leben. Wir müssen auf die Menschen schauen die Hilfe brauchen, egal, ob sie in das seltsame AfD-Menschenbild passen oder nicht. Helfen ist richtig, weil es dem Grundgesetz entspricht und zum gemeinschaftlichen Leben dazu gehört.

Ich stehe hier, weil ich unsere Gegend als eine Gegend von verschiedenen Menschen sehe. Es gibt keine „deutsche Kultur“. Uns wird auch keine multikulturelle Gesellschaft aufgezwungen. Nein, wir sind multikulturell. Schon immer gewesen. In unserer Sprache stecken lateinische, griechische, slawische, hebräische Worte. In unseren Dörfern leben Menschen, deren Nachnamen von einer Zeit berichten, als den Hugenotten in Frankreich die Religionsfreiheit verwehrt wurde. Lest die Klingelschilder: Sarrazin, Lafontaine, Gadenne. Nachfahren von Hugenotten, die hierher geflüchtet sind und Heimat gefunden haben.
Auch berichten die Klingelschilder von Flüchtenden aus Ostpreußen vor nicht einmal 80 Jahren: Drage, Maske, Labenski, Rudnik, Wuttke. Viele der älteren Generation können sich an die Zeit der Flucht erinnern und davon erzählen.
Ich bin hier, weil mir die Menschen am Herzen liegen. Alle Menschen. Ich beziehe mich (wie übrigens auch die AfD) dabei auf Artikel 3 unseres Grundgesetzes: „ Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Wenn alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dann darf man Menschen mit Behinderung nicht ausschliessen. Wenn alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dann darf man Menschen die Hilfe brauchen nicht zurückweisen. Wenn alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, darf man nicht eine bestimmte Kultur verordnen, sie „deutsche Kultur“ nennen und alles, was davon abweicht verurteilen.

Die AfD nennt ihre Veranstaltung „Deutschland Steht auf - der Weg aus der Krise“. Sie bezieht sich explizit darauf, dass die Regierung uns in die Krise geführt habe. Was ist das für ein Demokratieverständnis, dass die AfD glaubt, die Regierung mache mit uns, was sie wolle? Sie behaupten, die Steuerzahler seien nicht gefragt worden, wofür ihr hart erarbeitetes Geld ausgegeben wird?
Ich bin zwar nur eine normale Bürgerin, aber ich bin gefragt worden. Ich durfte entscheiden, welche Partei meine Interessen am besten vertritt und das bei jeder Wahl wieder neu. Ich sitze als sachkundige Bürgerin der Stadtverordnetenversammlung in Angermünde und: es wird immer gefragt, bevor Geld ausgegeben wird.

Wir Menschen, wir normalen, einfachen Bürger - wir sind dieses Land und wir sind aufgestanden und sind heute hierher gekommen. Wege aus Krisen finden wir gemeinsam mit Freundlichkeit, Vertrauen und Menschlichkeit.

Herzlichen Dank fürs Zuhören.



zurück

URL:https://www.gruene-um.de/aktuelles/expand/768165/nc/1/dn/1/